In ein paar Tagen werde ich etwas über (egal). In diesem Alter erwartet man Lebenserfahrung, Zielkenntnis und das Vermögen, sich und andere zu organisieren. Statt Jacht, Haus, BMW und anderen Tand.
Und dies in verschiedenen Rollen.
Donnerstag, 6. April 2006
Wie war der Tag?
Als Unternehmer habe ich mit Menschen zu tun. Heute sagte mir ein Kunde, die Prognose zu einem Geschäft, dass ich ihm mit Zahlen skizziert hatte und er Anfang des Jahres ungläubig vom Tisch wischte, diese Werte seien, mit kaum merklicher Abweichung eingetroffen. Ich hätte es mir gerne anders gewünscht.
Als Vater habe ich es mit Familie zu tun. Mit Menschen die einem nahe stehen und solchen, die man sich aus grundsätzlichen Erwägungen diplomatisch vom Leibe hält. Die Zeit ist knapp bemessen und Jede/r ist immer zu wenig besucht, bedacht oder gehört worden. Nach menschlichem Ermessen sind Prioritäten zu setzen, auch wenn Feste zum Großkampftag der Interessen werden.
Als Freund und Vertrauter habe ich es mit Freunden zu tun, die auf Vertrautes setzen und mich dafür schätzen, wenn ich so lebe, dass man mir vertraut. Im Wesentlichen ist Vertrauen keine Einbahnstraße und Vertrauliches hat immer mehrere Betrachtungsebenen, bevor eine Entscheidung zu fällen ist. In der Regel rate ich immer, zwar konsequent zu entscheiden aber nicht alle Brücken hinter sich abzubrennen. Auch die Neandertaler wussten, man sieht sich immer zwei Male im Leben. Mit oder ohne Keule in Sprungweite.
Es schüttelt mich, das gewohnheitsmäßige Zurückschauen und Sinnieren über Gewesenes und Zurückfallenlassen in romantischen Schwärmereien über Jahre ferne Meilensteine und tolle Ereignisse, als man noch dies oder das tun konnte, ohne das dies oder das eintrat. Oder war es umgekehrt ?
Ich schaue lieber mit wenigstens einem Fuß vorwärts gerichtet kurz auch mal nach hinten, während ich den nächsten Schritt tue. Nie seitwärts. Ungern auf der Bremse, schon mal in einem kleineren Gang aber nie rückwärtsgewandt. Ich mag es, möglichst immer vorn zu sein. In allem. Meistens schon viel weiter als mein Gegenüber. Das macht mir Spaß und sicherte früher das Überleben. Mit einer gewissen Umsicht zu agieren, Dinge vorzudenken, Denkbares im Szenario durchzuspielen, das Beste daraus mitzunehmen, Entscheidungen vorzubereiten. Im richtigen Moment auf die Töne zwischen den Zeilen zu hören und Entscheidungen zu treffen. Ja, das ist es.
Das "Wie war der Tag ?" - Gefühl nimmt mich genau dann in Beschlag, wenn ich kurzfristig an einer Kreuzung stehe, keine klare Richtungsentscheidung treffen und mich auch nicht weiter teilen oder duplizieren kann. Das sind Punkte, an denen sich in den nächsten Tagen Erfahrung durch Einsicht oder Gewissheit bilden. Im gewissen Maß hat Erfahrung ja auch etwas mit fahren und mit Richtungsentscheidungen zu tun. Nur sind erfahrungsgemäß Menschen mit vielen Tagesrückblicken nicht auch erfahrener. Es sind doch eher die Mobilen. Die, die aus Erfahrungen lernen. Neudeutsch: Ergebnisse für sich modifizieren.
Mein Beruf hat viel mit der Rushhour auf einer italienischen Kreuzung zu tun. Da fahren sich Menschen aus Prinzip tagtäglich Beulen in ihre geliebten Fahrzeuge, stehen im Stau und hupen gegen alles und jedes an. Endlich zu Hause angekommen, beschließen sie, morgen den Wagen stehen zu lassen oder einen wirklich echten Schleichweg zu fahren. Morgen früh steigen sie wieder in ihre Wagen, stehen im Stau, hupen und verbeulen sich die Wagen, fluchen.
Erst wenn zu den Beulen ein Kratzer im Lack kommt, setzt ein pragmatisches Umdenken ein. Beulen kann man ausbeulen. Kratzer ... ?
Heute war ich wieder an so einer Kreuzung. Eine Entscheidung ist mit zu treffen, zu stützen oder davon abzuraten. Dabei tut sich ein Konflikt auf. Rate ich zu, tritt ein Verlust ein. Rate ich ab, ebenso. Weil ich weiss, der Rat führt über kurz oder lang doch zu Bauchgrimmen. Aber nur Beulen, keine Kratzer. Dabei ist diese Entscheidung aus meinen Augen gar nicht zu treffen. Ich habe mich einfach entschlossen, einen Schleichweg zu suchen. Nach vorn zu argumentieren, lange fällige Forderungen aufzustellen und dafür einzutreten. Tragen können wir es beide.
In letzter Zeit sind häufiger Anfragen aufgetaucht, wie lange ein Editor pro Link denn benötigen würde. Nun, so lange wie dafür im realen Leben Zeit bleibt, auch andere Entscheidungen zu treffen, Prioritäten zu setzen und falls notwendig auch Schleichwege zu gehen.
Geschrieben von hghuebscher
in Tellerrand
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